So war das nicht gemeint – Missverständnissen in Arztgesprächen proaktiv begegnen
Viele Fragen zu stellen kann schon mal irritieren. Besonders im medizinischen Bereich. Hier sind viele von uns – Patientenseite genauso wie Ärztinnen und Ärzte – immer noch von der alten Rollenverteilung geprägt: Der Arzt führt das Gespräch, stellt die Fragen und dominiert den Redeanteil, während der Patient meist zuhört und überwiegend antwortet. 1) Zugleich ist belegt, dass die Behandlungsergebnisse deutlich besser ausfallen, wenn Patientinnen und Patienten durch aktives Fragen den Sinn einer Massnahme wirklich verstehen. 2)
Aktive Patienten sind immer noch ungewöhnlich
In Europa, speziell in den DACH-Ländern, ist es in professionellen oder medizinischen Kontexten eher unüblich, viele und offene Fragen zu stellen. 1)
Passend belegen denn auch Studien zu Arzt-Patienten-Gesprächen aus dem deutschsprachigen Raum: Ärztinnen und Ärzte verursachen 94 % der Initiativen (Unterbrechungen und Fragen) in Gesprächen. Während des Dialogs haben sie mit 82 % die absolute Fragehoheit an den gestellten Fragen. 3)
Im Gegensatz dazu fördert zum Beispiel die US-amerikanische Kultur einen aktiven Frage-Antwort-Dialog. Dort ist es normal, jederzeit Fragen stellen zu können – auch im medizinischen Sektor. Dies erklärt vielleicht auch, warum der Ansatz des Shared Decision Makings – der Einbeziehung des Patienten in die medizinische Entscheidung – in den USA und nicht in Europa entwickelt wurde.
Patienten, die gut vorbereitet sind und Fragen stellen, werden in der Schweiz oder in Deutschland zwar nicht negativ bewertet, fallen aber dennoch auf – sie weichen von der Norm ab.
Wann Fragen negativ wirken
Grundsätzlich gilt: Wer fragt, gewinnt. Fragen und Nachfragen sind ein wichtiges Werkzeug, um Informationen zu erhalten und zu verstehen. In der Regel fördert das aktive Stellen von Fragen nicht nur das Verständnis des Patienten, sondern stärkt auch die Beziehung zwischen Arzt und Patient.
Es gibt allerdings situative Zusammenhänge, in denen Ihre Fragen negativ aufgenommen werden können – obwohl diese Fragen gut und notwendig sind. Wenn ihr Gegenüber zum Beispiel gerade gestresst ist: Das Wartezimmer ist voll, ein Notfall kommt dazwischen. Hier können Ihre Fragen noch so gut sein und dennoch kann Ihnen Ihr Gegenüber signalisieren, dass irgendetwas gerade nicht stimmt.
Unser Tipp: Werden Sie in so einer Situation respektvoll offensiv. Auch wenn es schwerfällt: Sprechen Sie an, wenn Sie sich nicht gehört fühlen. Zum Beispiel können Sie sagen: „Ich habe den Eindruck, dass meine Fragen nicht wirklich bei Ihnen ankommen. Mein Ziel ist es, heute mit Ihnen die bestmögliche Behandlung zu finden. Mir hilft es dabei, Fragen zu stellen. Ist es in Ordnung, wenn ich Ihnen weitere Fragen stelle?"
Sprechen Sie direkt zu Beginn offen an, dass Sie sich vorbereitet haben und warum.
Der Film im Kopf des andern
Wie wir alle haben auch Ärzte und Ärztinnen Vorerfahrungen und sind dadurch zu bestimmten Prägungen gelangt.
Eine Patientin, die sich mithilfe von EverAsk auf ein Erstgespräch mit einer Physiotherapeutin vorbereitete, berichtet, dass ihre vielen Fragen zunächst sehr kritisch aufgenommen wurden. Es stellte sich heraus, dass die Praxis zuvor von einem Patienten, der zu Beginn der Behandlung ebenfalls viele Fragen gestellt hatte, verklagt worden war.
Deshalb wurden Patientinnen und Patienten mit vielen Fragen dort automatisch misstrauisch betrachtet. Beim nächsten Termin informierte die Patientin die Therapeutin vorab über ihre Vorbereitung und den Zweck ihrer Fragen, was die Gesprächsatmosphäre spürbar entspannte.
Tipps, um Missverständnisse im Arzt-Patienten-Gespräch zu vermeiden
Machen Sie sich immer bewusst, dass ihre Intentionen beim andern möglicherweise nicht richtig ankommen können.
Sprechen Sie direkt zu Beginn offen an, dass Sie sich vorbereitet haben.
Erklären Sie, dass Sie einen Spickzettel per Papier oder Smartphone einsetzen, um Ihre Fragen immer im Blick zu haben.
Wenn Sie eine irritierte oder ablehnende Haltung bei Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin feststellen, fragen Sie sich, woran es liegen könnte: Liegt es an Ihrem Verhalten? Oder kann es sein, dass ihr Gegenüber zum Beispiel einfach unter Zeitdruck ist?
Sprechen Sie Ihr Gegenüber ggfs. an, wenn Sie den Eindruck haben, der Arzt oder die Ärztin ist zu Ihren Fragen negativ eingestellt oder hört nicht richtig zu.
Merken Sie sich: Fragen zu stellen und Informationen einzubringen ist sinnvoll: So kann Ihre Ärztin oder Ihr Therapeut die Behandlung gezielter auf Sie abstimmen. Gleichzeitig verstehen Sie als Patientin oder Patient die Hintergründe besser und können die Behandlung aktiv mittragen
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Quellen
- http://www.verlag-gespraechsforschung.de/2002/pdf/medizin.pdf, S. 17 und Redder/Wiese (1994): „Medizinische Kommunikation: Diskurspraxis, Diskursethik, Diskursanalyse“
- Hibbard JH, Greene J. (2013): “What the evidence shows about patient activation: better health outcomes and care experiences; fewer data on costs.” Health Aff (Millwood). 2013;32(2):207-14.
- Raspe, Normeyer (1981)